|
|
| Geschichte
von: |
| |
|
©
Elke Heidenreich und Bernd Pfarr
|
| |
| |
| Carl
Hanser |
| |
| Stand
28.9.1999 |
|
|
|
| |
|
|
|
| |
|
|
|
| |
Elke
Heidenreich
|
Sonst
noch was |
|
| |
|
|
|
| |
|
|
|
| |
|
»Da«,
sagte Onkel Hans eines Tages und legte ihr ein dickes Päckchen
Scheine auf den Küchentisch, »jetzt kannst du dir
seidene Tücher, Hüte und neue Schuhe kaufen!«
Und meine Mutter war gerührt, putzte sich die Nase in
der Schürze, sagte: »Hans, das wär doch aber
nicht nötig gewesen! Also gut, dann
kriegt das Kind nun doch ein Klavier« und steckte das
Geld ein.
Onkel Hans blieb immer noch sehr viel übrig, und davon
erfüllte er sich seinen Lebenstraum: Er kaufte sich einen
kleinen Bauernhof im Westerwald. Das Höfchen hatte ein
entfernter Vetter von ihm jahrelang bewirtschaftet, aber der
entfernte Vetter war nun alt und klapprig geworden und zog
zu seiner Schwester nach Wuppertal.
»Hast du dir das gut überlegt«, schrieb ihm
Onkel Hans, »ausgerechnet zu deiner Schwester, ich weiß,
wovon ich spreche!«
Aber er konnte das kleine Anwesen kaufen und endlich da leben,
wo er schon immer hatte leben wollen: auf dem Land. Und er
konnte Tiere halten. Onkel Hans war sein Leben lang Lastwagenfahrer
gewesen und hatte immer sehnsüchtig von den Autobahnen
auf die grünen Wiesen geguckt, wo die Schafe und die
Kühe standen.
Er stammte von einem Bauernhof, wie auch meine Mutter, die
aber froh war, den Dreck und das Vieh und das Landleben hinter
sich zu haben. (»Land? Sonst noch was!«) Onkel
Hans dagegen hatte sich immer zurückgesehnt, und nun
konnte er sich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen: Er
kaufte den kleinen Hof, fuhr ein letztes Mal mit dem Lastwagen,
diesmal mit seinen eigenen paar Möbeln - und war weg.
Sein Zimmer wurde frisch tapeziert und tagelang gelüftet,
weil der Zigarrenrauch darin hing, und dann wurde es mein
Zimmer, in dem ich abends lag und an Onkel Hans im Westerwald
dachte.
Er schrieb uns Briefe, denn ein Telefon hatten wir damals
noch nicht. »Liebe Gertrud«, schrieb er und »Hallo,
kleine Käthe« (ich heiße Katharina, aber
Onkel Hans nannte mich immer >kleine Käthe<), »ihr
glaubt nicht, wie schön es hier ist: nur Natur! Ich habe
das Haus weiß gestrichen und mir schon vier Hühner
und einen Hahn gekauft, ratet mal, wie die heißen?«
»Na«, knurrte meine Mutter, »wie werden
Hühner schon heißen, Berta, Klara, Wanda und Emma.
Und Natur! Was will er mit Natur, wo er den ganzen Tag eine
Zigarre im Mundwinkel hängen hat?«... |
|
| |
|
|
|
| |
|
|
|
| |
|
|
|
| |
|
ISBN
3-446-19742-7 |
|
|